An Freunde und Bekannte - wie fühle ich mich mit Krebs?
Was ich mir als Krebspatient manchmal wünsche, dass andere verstehen
Im Laufe meiner Erkrankung habe ich erkannt, dass man als Krebspatient oft missverstanden wird – nicht aus böser Absicht, sondern weil viele Menschen sich schlicht nicht vorstellen können, wie sich diese Situation anfühlt.
Oft werde ich gefragt: "Wie geht es dir?"
Und ehrlich gesagt weiß ich manchmal selbst nicht, was ich darauf antworten soll.
Natürlich kann ich sagen: "Gut." Aber was bedeutet das eigentlich?
Gut bedeutet vielleicht, dass meine Blutwerte heute stabil sind. Gut bedeutet, dass ich heute aufstehen konnte oder dass die Schmerzen erträglich sind. Gut bedeutet aber nicht automatisch, dass keine Sorgen da sind. Denn im Hintergrund begleitet mich immer die Frage, wie es weitergeht. Da hängt schließlich mein Leben dran.
Außerdem gibt es viele Ebenen. Körperlich kann es mir anders gehen als mental. An manchen Tagen bin ich dankbar für leichte Nebenwirkungen wie Gelenkschmerzen. Wer eine Krebstherapie durchläuft, weiß, dass es leider auch deutlich stärkere Nebenwirkungen geben kann.
Auch gut gemeinte Wünsche bringen mich manchmal zum Nachdenken. Wenn jemand sagt:
"Ich wünsche dir vor allem Gesundheit und dass du noch lange lebst."
dann weiß ich natürlich, dass das liebevoll gemeint ist. Gleichzeitig erinnert es mich daran, wie zerbrechlich Gesundheit eigentlich ist.
Krebs macht keinen Halt vor bestimmten Menschen. Er fragt nicht, ob jemand gesund lebt, Sport treibt oder sich ausgewogen ernährt. Viele glauben unbewusst, dass ihnen so etwas nicht passieren kann, weil sie vorsorgen oder einen gesunden Lebensstil pflegen. Ich habe ebenfalls versucht, auf meine Gesundheit zu achten – und trotzdem sitze ich heute auf dieser Seite des Tisches.
Deshalb möchte ich Angehörigen und Freunden einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Vielleicht hilft es dabei, besser zu verstehen, warum ein Mensch mit Krebs manchmal anders reagiert, als man es von ihm gewohnt ist.
Während meiner Akuttherapie hatte ich zeitweise große Angst um mein Leben.
Jede Woche standen Blutabnahmen an. Die Werte gingen hoch und runter. Meine Haut wurde gelb, weil meine Leber zeitweise nicht mehr in der Lage war, bestimmte Stoffe ausreichend abzubauen. Ich bekam eine Drainage, über die täglich Flüssigkeit aus dem Bauchraum abgelassen werden musste. Beine und Füße waren voller Wasser. Treppensteigen wurde anstrengend. Selbst kurze Wege kosteten Kraft.
Ich fühlte mich zeitweise nicht wie die Person, die ich einmal war. Eher wie jemand, der plötzlich viele Jahrzehnte älter geworden ist.
Und gleichzeitig wusste ich nicht, wie viel Zeit mir überhaupt bleibt.
Das sind existenzielle Ängste. Wer so etwas noch nie erlebt hat, kann es kaum vollständig nachvollziehen – und das ist auch völlig in Ordnung. Niemand muss das verstehen können.
Was mir allerdings hilft, ist Offenheit statt Bewertungen.
Jeder Mensch geht mit einer solchen Situation anders um. Es gibt kein richtig oder falsch. Jeder sucht seinen eigenen Weg durch diese Krise.
Hinzu kommt die unglaubliche Flut an Informationen.
Plötzlich kennt jemand einen Arzt mit einem vielversprechenden Ansatz.
Jemand anderes empfiehlt Infusionen, Artesunate oder alternative Therapien.
Dann hört man von einer Bekannten, die bei einem Heiler im Ausland war und angeblich geheilt wurde.
Man bekommt YouTube-Videos geschickt, Studien, Bücher, Podcasts und Erfahrungsberichte.
Dazu kommen Menschen mit derselben Erkrankung, die von ihren Erfahrungen mit Nahrungsergänzungsmitteln, Parasitenkuren, Ölen, besonderen Diäten oder anderen Ansätzen berichten.
Natürlich möchte man verstehen, was davon hilfreich sein könnte.
Also spricht man mit Onkologen, Radiologen, Kliniken, Heilpraktikern, Ernährungsberatern und vielen weiteren Experten. Man recherchiert, liest, fragt nach und versucht Entscheidungen zu treffen.
Oft kostet das nicht nur Zeit und Energie, sondern auch viel Geld.
Und trotzdem bin ich für jeden Menschen dankbar, der versucht hat zu helfen. Hinter fast jedem Rat steckt letztlich ein guter Wunsch.
Was ich in dieser Zeit allerdings ebenfalls gelernt habe:
Freundschaft zeigt sich oft nicht darin, die perfekte Lösung zu kennen.
Sie zeigt sich darin, da zu sein.
Zuzuhören.
Unsicherheit auszuhalten.
Nicht alles kommentieren oder bewerten zu müssen.
Und manchmal einfach zu sagen:
"Ich weiß nicht, wie sich das anfühlt. Aber ich bin da."
Das sind oft die Worte, die am meisten helfen.
Und falls ich mich in der schwersten Zeit meines Lebens nicht immer so bedankt habe, wie es vielleicht erwartet wurde, dann tut mir das leid.
Eine schwere Erkrankung verändert Prioritäten, Kräfte und manchmal auch Beziehungen.
Manche Freundschaften werden dadurch stärker. Andere gehen auseinander.
Das gehört leider ebenfalls zu diesem Weg.
Für die Menschen, die geblieben sind, die zugehört haben, die mitgetragen haben und die einfach da waren, möchte ich vor allem eines sagen:
Danke!